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Passivrauchen - Gefahr aus zweiter Hand

Zigarettenqualm schadet nicht nur den Rauchern. Die Risiken durch Passivrauchen sind viel größer als bisher angenommen. 

Ob zu Hause, im Job, in Zügen, Schulen, Restaurants oder Theatern - rund 35 Millionen Deutsche werden mit Giften aus Tabakdunst zugequalmt, ohne dass sie es wollen. Die Folgen des Passivrauchens sind dramatisch, belegt eine neue Studie, an der Pro[ Dr. Ulrich Keil, Uni Münster, mitgearbeitet hat: Rund 3.300 Menschen sterben jährlich daran. Und diese Zahl ist noch niedrig gegriffen.” Eine Statistik vom Krebsforschungszentrum Heidelberg kommt zu einem ähnlichen Ergebnis: 2.148 Nichtraucher sterben durch „secondhand-Gifte” an Herzerkrankungen, 774 überleben einen Schlaganfall nicht, 263 Passivraucher sterben an Lungenkrebs, 56 an anderen Lungenleiden, 60 Säuglinge sterben pro Jahr am Krippentod. Und 70 Prozent der Todesfälle entfallen auf Frauen, weil sie zu Hause öfter passiv mitrauchen müssen als Männer. 

Kein Kavaliersdelikt 

Wer mit einem Raucher zusammenlebt oder bei der Arbeit Tabakrauch ausgesetzt ist, hat ein um 25 bis 30 Prozent erhöhtes Risiko, an einem Herzleiden zu erkranken, und ein um 20 bis 30 Prozent erhöhtes Risiko für Lungenkrebs. “Passivrauchen verursacht zudem Atemwegsbeschwerden”, warnt Dr. Martina Pötschke-Langer, Leiterin des WHO-Zentrums für Tabakkontrolle Heidelberg. 

Gefährlicher Nebenstrom 

Bei Kindern kommt es zu Mittelohrentzündungen, einer beeinträchtigten Lungenfunktion, Asthma. Und: Das Brustkrebsrisiko vor der Menopause verdoppelt sich.Auf den ersten Blick erscheint paradox. dass die Konzentration der Schadstoffe im so genannten Nebenstromrauch einer vor sich hin glühenden Zigarette höher ist als im Hauptstromrauch beim tiefen Inhalieren. Auf den zweiten Blick aber ganz logisch. Dr. Tobias Raupach. Leiter der Raucherentwöhnungsambulanz Göttingen: „Beim Zug an der Zigarette entsteht eine höhere Verbrennungstemperatur, die einige Giftstoffe inaktiviert. Im Nebenstrom bleiben diese jedoch aufgrund niedrigerer Temperaturen noch stabil.” Selbst kleinste Mengen sind noch gefährlich. Ein neuer Report des amerikanischen „Centers for Disease Control” in Atlanta zeigt: Im Nebenstromrauch konnten bis SO krebserregende Substanzen und 250 giftige und krebsfördernde Chemikalien identifiziert werden (siehe auch „Nicht nur heiße Luft”). 

Das Letzte Raucherparadies 

Doch abgesehen von Polen und einigen anderen Staaten im Osten ist Deutsch land das letzte Raucherparadies in Europa. In Skandinavien herrschen strikte Rauchverbote am Arbeitsplatz, in öffentlichen Räumen und Verkehrsmitteln. Die Iren dürfen seit März 2001 nicht mal mehr zum geliebten “Guinnes” im Pub paffen, in Italien ist die Zigarette zum Vino oder Grappa seit Januar 2005 unter drakonische Strafen gestellt. Bis zu 2.200 Euro müssen Gastwirte berappen, die Raucher nicht vor die Tür weisen. In Deutschland gibt es zwar schon einige Einschränkungen, aber kaum jemand hält sich daran. Die Leute rauchen selbst unter Rauchverbotsschildern an Flughäfen und Bahnhöfen weiter, stecken sich mit Vorliebe die Zigarette im Zimmer der nichtrauchenden Kollegin an und halten jeden, der sich über den blauen Dunst beschwert, für einen Querulanten oder Oberlehrer. 

Gifte im blauen Dunst

  • Kohlenmonoxid schädigt Herz und Kreislauf. 
  • Teer verursacht Bronchitis und Lungenkrebs. 
  • Stickoxide belasten die Atemwege. 
  • Weitere Schadstoffe sind Aceton (Lösungsmittel), Arsen (Rattengift), Ammoniak (Reinigungsmittel), Naphtatin (Mottengift), Blei und Formaldehyd. 
  • Radioaktives Polonium 210 oder Radon: Starke Raucher nehmen pro 3ahr eine Strahlungsmenge auf, die der von 250 Röntgenuntersuchungen entspricht! 

Raucherzimmer bringen wenig. Seit Oktober 2002 gilt allerdings eine nichtraucherfreundliche Änderung, der Arbeitsstättenverordnung. Sie verpflichtet die Arbeitgeber, wirksame Schutzmaßnahmen zu ergreifen - egal, ob sich die Beschäftigten durch Raucher gestört sehen oder nicht. Allerdings bringen Arrangements wie Raucherzimmer wenig, ebenso Nichtraucherecken in Gaststätten oder Nichtraucherabteile in Zügen. Denn sobald sich Tabakrauch mit der Raumluft vermischt, verteilen sich die Gifte im ganzen Umfeld. Geruch und Schadstoffe setzen sich an Wänden, Böden, Gardinen und Kleidung fest. Jetzt planen Politiker quer durch alle Parteien einen umfassenden Nichtraucherschutz: „Rauchen macht krank und Mitrauchen auch. Der Staat muss also handeln, wenn es um das Gemeinwohl der Menschen geht”, weiß auch Verbraucherschutzminister Horst Seehofer, ehemals Bundesgesundheitsminister. Doch wird es tatsächlich eine Mehrheit für Rauchverbote in Gaststätten, Behörden, Krankenhäusern oder Schulen geben? Bis es soweit ist, sollten Sie Ihre Gesundheit schon selbst gegen Tabakrauch schützen. 

Nicht nur heiße Luft 

Luftfilter in Büroräumen sind keine Alternative zu einem totalen Rauchverbot. Denn solche Geräte reduzieren Rauchpartikel nur unzureichend. Eine wichtige Schadstofffraktion des Nebenstromrauchs z. B. wird überhaupt nicht reduziert: die Gase. 

Die Lüftung von Innenräumen bringt nur dann eine messbare Verbesserung, wenn sie nach jeder Zigarette mindestens 15 Minuten lang erfolgt.Bei Klimaanlagen kann eine Verteilung krebserregender Stoffe in die Arbeitsräume nur durch ein striktes Rauchverbot verhindert werden. Oder durch zwei parallel betriebene Lüftungssysteme: eins für Raucher und eins für Nichtraucher.Raucher-Stationen wie die von „Smoke Free Systems” können eine gewisse Zeit lang den Übergang zum gänzlich rauchfreien Arbeitsplatz erleichtern. Hochfeine Partikelfilter scheiden dabei 99,9 Prozent der gesundheitsgefährdenden Partikel ab, ein Kohlefilter reinigt die Gase zu 100 Prozent. Mietpreis: etwa 300 Euro pro Monat für die kleinste Raucher-Station, in der vier Personen zugleich rauchen können. 

Fundstelle:  VITAL 9/2006 Seite 94

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