Calendar
Mai 2012
M D M D F S S
« Apr    
 123456
78910111213
14151617181920
21222324252627
28293031  

Einsatz von Antibiotika und Hormonen bei der Fleischproduktion

McDonald’s hat den Weg vorgegeben, ist aber noch nicht weit genug gegangen 
Von: Dr. med. Samuel S. Epstein, Vorsitzender der Cancer Prevention Coalition (CPC) Chicago, 1. Juli 2003  

Als Antwort auf die wachsende Beunruhigung hinsichtlich des mittlerweile gängigen Gebrauchs von Antibiotika in der Fleischproduktion und des daraus resultierenden zunehmenden Wirkungsverlustes antibiotischer Substanzen bei der Behandlung von Infektionskrankheiten hat der McDonald’s Konzern seine Zulieferer aufgefordert, sich bis zum Ende des Jahres 2004 von Antibiotika-verwendenden Zuchtbetrieben zu lösen. Diese wegweisende Initiative wird von Burger King, Wendy’s, KFC und Elanco, dem größten amerikanischen Pharmaunternehmen im Veterinärbereich, unterstützt. Die Initiative von McDonald’s richtet sich allerdings nicht gegen Zuchtbetriebe, die hormonelle Substanzen zum Einsatz bringen. 

Sobald Rinder in Massenzuchtbetrieben abgeliefert worden sind, werden ihnen Hormonpellets unter die Ohrhaut implantiert, ein Vorgang, der sich nach Ablauf der Halbzeit während der 100-tägigen Mastperiode wiederholt. Diese hormonelle Beeinflussung hat eine enorm rasche Gewichtszunahme zur Folge, was einen zusätzlichen Profit von $ 80,– pro Tier ausmacht.Das am häufigsten verwendete Hormon ist ESTRADIOL. Es gilt als potenziell krebserregend und genschädigend. Daneben werden auch PROGESTERON, TESTOSTERON und deren synthetische Varianten eingesetzt. Immer noch erklären die FDA und USDA öffentlich, dass die in Fleisch nachgewiesenen hormonellen Rückstände sich innerhalb „normaler“ Grenzen bewegen und für den Verbraucher „unbedenklich“ seien. Es stellt sich jedoch die Frage, in welcher Größenordnung bei einer Schlachtviehmasse von 130 Millionen Tieren pro Jahr überhaupt auf Rückstände von ESTRADIOL oder anderen Hormonen hin untersucht wird. In scharfem Kontrast hierzu lesen sich Untersuchungsergebnisse aus vertraulichen Berichten, die mir im Zuge der gesetzlich verankerten Informationsfreiheit zugänglich geworden sind. Demzufolge konnten in Tests, die unter höchst idealen Bedingungen durchgeführt wurden, hohe Hormonkonzentrationen in Fleisch nachgewiesen werden. Allein in verschiedenen Fleischprodukten eines einzelnen Stieres, der während seiner Mast SYNOVEX-S, eine Kombination von ESTRADIOL und PROGESTERON, erhalten hatte, konnte ein ESTRADIOL-Spiegel aufgezeigt werden, der die behördlich festgelegte Grenze um das 20-fache überschritt. Würde beispielsweise ein 8-jähriger Junge regelmäßig zwei Hamburger pro Tag essen, führte dies zu einer Erhöhung seines natürlichen Hormonspiegels um mindestens 10 %! 

Die Situation könnte sich in Wirklichkeit als noch gravierender erweisen. Ein bisher unpubliziertes Gutachten zu einer USDA-Untersuchung von 32, nach dem Zufallsprinzip ausgesuchten, großen Massenzuchtbetrieben ergab, dass bei der Hälfte der Rinder die Hormonimplantate illegal ins Muskelgewebe statt unter die Ohrhaut platziert worden waren.Diese Art der Implantierung führt zu sehr hohen lokalen Hormonkonzentrationen sowie einer starken Hormonausschüttung in die Fleischsubstanz insgesamt. Daneben finden sich gelegentlich implantierte Hormonpellets im Halsmuskelgewebe, was wiederum sehr hohe hormonelle Rückstände im Fleisch zur Folge hat. Diese Verwendung von  Geschlechtshormonen wird mehr und mehr mit dem alarmierenden Anstieg von Erkrankungen der Reproduktionsorgane in Verbindung gebracht. Seit 1973 ist die Rate für postmenopausalen Brustkrebs um 54 %, für Hodenkrebs um 67 % und die Rate für Prostatakrebs sogar um 105 % gestiegen. Mit wachsender Beunruhigung wird in diesem Zusammenhang ebenso das vermehrte Auftreten der vorzeitigen Pubertät bei heranwachsenden Mädchen beobachtet. Auch dieses Phänomen führt man auf den Verzehr hormonell angereicherten Fleisches zurück. Die negative Beeinflussung des endokrinen Systems durch Industriechemikalien, durch Pestizide und andere, gesundheitsschädigende Substanzen in Kosmetika oder Nahrungsmitteln wird mittlerweile intensiv von staatlichen Kontrollinstanzen und den Gesundheitsbehörden untersucht. Doch die Anreicherung von Fleisch mit Rückständen von ESTRADIOL oder anderen Geschlechtshormonen bleibt nahezu unbeachtet. 

Europa hatte stets eine höchst kritische Haltung gegenüber den amerikanischen Erklärungen zur angeblichen Unbedenklichkeit hormonangereicherten Fleisches und setzte 1989 einen Verkaufs- und Einfuhrstop durch. 1997 legten die USA und Kanada dagegen vor der Welthandelsorganisation (WTO) Beschwerde ein, und zwar mit der Begründung, es handele sich hierbei um eine wissenschaftlich keineswegs begründete, diskriminierende Handelspraxis. Die WTO gab der Beschwerde statt. Sie argumentierte, die Europäische Kommission (EC) hätte nicht die in diesem Fall vorgeschriebene quantitative Gesundheitsrisikoerhebung durchgeführt und erlegte der EC für diese Unterlassung sogar noch eine Geldstrafe auf. Die EC beauftragte nun ihrerseits ein aus neun unabhängigen Experten bestehendes „Wissenschaftliches Komitee“, darunter vier amerikanische Fachleute. Die Aufgabe dieses Gremiums bestand darin, eine umfassende Risikoerhebung zu allen bekannten Wachstumshormonen durchzuführen. 1999 erklärte es nach Auswertung der Untersuchungsergebnisse, dass jedes der untersuchten Hormone ein nicht zu unterschätzendes Risiko für den Verbraucher darstelle und man in keinem Fall von „unbedenklichen“ Hormonrückständen auszugehen habe. Mehr noch: Das Komitee betonte, dass selbst geringste hormonelle Rückstände in Fleisch erhebliche karzinogene, endokrine und genetische Risiken mit sich bringen, was besonders für Kinder im präpubertären Alter gilt, da diese einen noch extrem niedrigen Geschlechtshormonspiegel aufweisen.  

Im Gegensatz dazu haben die USA - trotz mehrmaliger Aufforderungen durch die Europäische Gemeinschaft - bis heute noch keine wissenschaftliche Arbeit oder einen auf ernsthaften wissenschaftlichen Untersuchungen fundierten Beweis für ihre These der gesundheitlichen Unbedenklichkeit des Verzehrs von Fleisch, das von hormonell behandelten Tieren stammt, geliefert.Die EC unternahm noch 17 weitere umfassende Studien zu Hormonrückständen im zum menschlichen Verzehr bestimmten Fleisches, deren Ergebnisse großenteils bereits in renommierten wissenschaftlichen Fachzeitschriften veröffentlicht worden sind. Jede einzelne dieser Studien dokumentiert vor allem die karzinogenen und genetischen Risiken beim Verzehr von hormonangereichertem Fleisch.  McDonald’s sollte in den Bemühungen, seiner „sozialen Verantwortung“ gerecht zu werden, noch einen Schritt weitergehen und sich, ähnlich wie im Fall der Verwendung von Antibiotika, auch für den Boykott von Lieferanten einsetzen, die bei der Mast Hormone zum Einsatz bringen. 

Kontakt: Dr. med. Samuel S. Epstein,

Vorsitzender der Cancer Prevention Coalition und Prof. i. R. auf dem Gebiet der Umwelt und Berufsmedizin

epstein@uic.edu  www.preventcancer.com

Antwort schreiben